Zeitschrift für Theaterpädagogik
Ausgabe Oktober 2007
23. Jahrgang. Korrespondenzen Heft 52

"Meine Methoden verändern sich ständig!"

Interview mit Daniela Posada-Bangert, selbstständige Theaterpädagogin aus Velbert in NRW

A.P: Zu Beginn unseres Gesprächs interessiert mich, wie Du als selbständige Theaterpädagogin arbeitest. Welche inhaltlichen Schwerpunkte bietest Du Deinen Zielgruppen an?

D.P: Die Zielgruppen sind ganz unterschiedlich. Die sind eben vom Kindergartenalter, wo ich die Selbstbewusstseinskurse mache für Jungen und Mädchen unter theaterpädagogischen Methoden oder durch theaterpädagogische Methoden und danach die Altersgruppe von 4 bis 12 Jahren. In Grundschulen unterrichte ich ganz normale Schauspielkurse und das geht hoch bis zum Alter von 70 Jahre. Meine Methoden verändern sich ständig. So kann ich kaum sagen, ob ich eine einzelne Methode habe. Ich glaube, was ich immer wieder merke, ist dass ich ganz viel Straßentheater gemacht habe. Ich habe dabei ganz viel Clownstheater gemacht und mir ist es unendlich wichtig präsent zu sein, authentisch „da“ zu sein auf der Bühne. Ansonsten habe ich die Möglichkeiten gehabt durch Fortbildungen so viele Methoden gelernt zu haben, dass es ein riesenschöner Quell ist, aus dem ich schöpfen kann. Das ist manchmal postdramatisches Theater, dann ist mal das Erzähltheater/Clowns/ Methoden von Augusto Boal oder ich gucke was zu der Gruppe passt oder was zu den Kindern passt, worauf habe ich jetzt Lust. Es gibt gar keinen eigentlichen Schwerpunkt. Meine Wurzeln liegen im Straßentheater.

A.P: Du hast Dich in Velbert und Umgebung, also nicht weit von den nordrhein-westfälischen Metropolen als freischaffende Theaterpädagogin niedergelassen. Wie schätzt Du Deine momentane gewerbliche Situation ein?

D.P: Man sollte glaube ich besessen sein, genau so wie Schauspieler besessen sein müssen von der Idee Schauspieler zu sein. Bei mir war es so, dass ich das(diese Arbeit) brauche um glücklich zu sein Bei mir hat sich die Kämpferei gelohnt. Das ist ein ganz harter Job, in dem man auch viel mit Zahlen/Buchhaltung umgehen muss und wo man Verhandeln lernen muss. Für mich war das eine große Hürde von den Anfangsjahren zu heute.
Am Anfang hatte ich immer die Einstellung: Danke, dass ihr mich genommen habt!
Ich bin glücklich, dass ich meine Ideen verwirklichen darf. Es fing aber auch damit an, dass ich mit einem Konzept begonnen hatte, bei dem ich nicht wusste, ob es aufgehen würde. Ich habe damals ein das Selbstbewusstsein förderndes Training erdacht und wusste nicht, ob es wirklich funktionierte. Ich musste ja jetzt zu den Anbietern gehen und sagen sie brauchen mich sicherlich. Für mich war es schon haarig zu behaupten, dass sie diesen Kurs brauchen und keinen anderen, obwohl ich wirklich noch nicht wusste, ob er aufgeht. Also morgens gebe ich Kurse zum Thema Selbstbewusstsein in den Kindergärten. Dieses Training beinhaltet drei Säulen:
a) „nein“ sagen – wie zeige ich mit meinem ganzen Körper „nein“. Dabei gehe ich gar nicht erst auf Missbrauchsituationen ein, sondern auf alltägliche Situationen. Ein gutes Beispiel ist mein Sohn als der 4 oder 5 Jahre alt war. Der stand in einer Schlange vor einem Eisstand. Er hat sich immer wieder weg drängen lassen, anstatt zu sagen, jetzt bin ich aber dran. An diesen Situationen, also der eine nimmt dem anderen die Schippe weg oder im Stuhlkreis will ich was sagen aber ich habe nicht den Mut dazu. An diesen Situationen setzte ich an. Da ist das „nein“ sagen und dazu die körperliche Präsenz zu entwickeln. Dann ist da die zweite Säule: Wie kann ich Gefühle ausdrücken? Und die dritte Säule befasst sich damit wie kann ich den Kindern Kicks für ihr Selbstbewusstsein geben. Ich spucke auch Feuer mit denen.
Das ist das eine. Dann sind mittags meistens die Schulen dran. Ganztagsschulen eben. Dort inszeniere ich, oder begleite Theatergruppen.
In Bottrop arbeite ich für das Kulturamt. Die setzten mich ein, wenn Schulen zwar Theater-Ags. haben aber mit Übergängen nicht klarkommen, oder mit Sprechtechnik, oder mit dramaturgischen Fragen. Und dann komme ich in die Schule. Zwei-, dreimal lasse ich die dann wieder alleine und gucke mir die Ideen später an. Am Anfang war es schwierig, weil die Lehrer gedacht haben, da kommt jetzt eine, die modelt alles um. Aber ich unterstütze sensibel ihre Ideen und gebe allenfalls leichte theoretische Inputs. Und weil das so gut angenommen wurde, mache ich solche Projekte häufiger.
Abends sind dann die Erwachsenen dran. Min. dreimal in der Woche. Und oft an Wochenenden

A.P: Ist Dein Einzugsfeld nur regional oder auch weiter im Bundesgebiet verstreut und wie kommen die Leute auf Dich zu?

D.P: Ich arbeite hauptsächlich in der Region , werde aber auch gebucht in Baden Württemberg oder Bayern oder dieses Jahr für das Kulturhauptstadtjahr Luxemburg. Am Anfangsjahren bin ich auf auf die Veranstalter zu gekommen. Nun ist es andersherum und ich kann sagen, dass meine jetzige Situation stabil ist. Nun ist es nicht mehr so, dass sich meine Aquise und die Anfragen die Waage halten, sondern jetzt reagiere ich meistens nur noch auf Angebote .Ich bin jetzt 7 Jahre selbständig. Zu beginn habe ich die Kurse am Wochenende durchgeführt. Meine Kinder waren klein aber da war mein Mann zu Hause.
Wichtig war dann Mund zu Mundpropaganda durch Schulen und Eltern.

A.P: Wo gehst Du hin, wenn Du Deine Angebote machen möchtest?

D.P: Ich werde bei meinen Schulkursen oft vom Ministerium /Kulturämtern/Fördervereinen/Sponsoren/Fonds bezahlt. Da ist es so, das die Schulträger sich die Geldergeber schon gesucht haben. Ich muss dann Verträge unterzeichnen oder Rechnungen schreiben.

A.P: Wie möchtest du dich in 20 Jahren sehen?

D.P: Als Leiterin meiner kleinen Theaterschule und ich selber führe nur noch Regie bei einem generationsübergreifendes Ensemble. Also gute theaterpädagogische Arbeit mit anderen Kollegen, die ich ins Haus hole und hoffentlich erfolgreiche Inszenierungsprojekte machen werde.

A.P: Also ehr in einer breitangelegten nicht spezialisierten Theaterpädagogik?

D.P: Mich alleine sehe ich im Mehrgenerationentheater. Für eine Theaterschule ist es aber realistisch viele Bereiche anzubieten und Zielgruppen orientiert zu arbeiten.

A.P: Stichpunkt Zielgruppentheater also intergeneratives Theater, Theater mit Menschen, die eine Behinderung haben! Wie entstehen die Arbeitsthemen in Deinen Gruppen?

D.P: Ganz unterschiedlich! Es Gibt Theaterkurse, wo ich schon mit einem Stück reingehe im Gegensatz zur Arbeit mit Kindern, wo ich Ideen aufgreife. Es gibt aber auch Arbeitsansätze, wo ich darauf höre, was Senioren an Ideen aus ihrem Alltag mitbringen. Am liebsten arbeite ich mit einem vorgedachten Gerüst einer szenischen Idee lass aber sehr viel Freiraum zu.

A.P: Kannst Du mir Schritte oder Strategien nennen, die für dich in die Richtung der Theaterschule gehen sollten?

D.P: Ich weiß nicht, ob man die offen legen sollte. Ich arbeite daran, dass ich viel in dieser Region tätig bin, dass man mich hier kennt.. Ich werde konkret nach räumen und Finanzierungsmöglichkeiten suchen. In Kürze möchte ich wenigstens einen kleinen Probenraum für mich haben. Ich musst wirklich überall sein und allen erzählen, was ich mache, möchte, ob sie nun der richtige Ansprechpartner sind oder nicht Dabei treffe ich dann auf einmal z.B. auf einen Kulturdezernent der meine Arbeit fördert oder neue Auftraggeber. Ich bin auch in der Presse präsent .
Man sollte sich auch kulturpolitisch einmischen Zu beginn habe ich 600 Infobriefe an Institutionen geschrieben. Dabei kamen dann abschließend 2 Kurse heraus. So fing es an

A.P: Was für Bereiche wird die Kulturpolitik aus deiner Sicht in den nächsten Jahren ansteuern?

D.P: Ich glaube das in Zukunft die Kulturpolitik sich ganz klar den Senioren zuwenden wird. Und ich hoffe, dass hier nicht wieder nur diese Kategorie gefördert wird, sondern dass dann auch das intergenerative Theater subventioniert wird. Ich finde dies wichtiger als das reine Seniorentheater.

A.P: Nächste Frage: Was sind, waren glücklichen Momente in deiner Arbeit?

D.P: Wenn ich bei einer Aufführung hintern sitze, und es riecht nach Bühnenstaub, und ich weiß meine Arbeit ist erledigt, und ich kann jetzt nichts mehr machen.
Und dann sehe ich meine Ideen verwirklicht auf der Bühne und ich sehe die Menschen, die da hinterher durch den Applaus und das Schauspielern glücklich sind.
Dann bin ich rund herum glücklich.

A.P: Fällt Dir ein Beispiel dazu ein?

D.P: Als ich das erste Mal gemerkt habe, wie glücklich mich dieser Beruf macht, dass ich angekommen bin bei mir, das ich nichts anderes auf dieser Welt mehr machen möchte, war als ich an einer Schule geladen wurde, die eine Theatergruppe hatten und nicht weiter kamen, weil sie Harry Potter auf einem ganz normalen Mehrzweckhallenboden ohne technisches Gerät spielen wollten Ich bin dann dazugekommen und habe wirklich selber viel Ideen aus mir rausholen müssen. Da habe ich auch viel ausprobiert. Das Publikum hat sogar die von den Schauspielern dargestellten Treppen gesehen.
Und da saß ich eben hinterm Vorhang , der Bühnengeruch und der staub waren da ..und ich , ich war glücklich...........

A.P: Wovor hast Du bei deiner freiberuflichen Arbeit Angst?

D.P: Ganz klar vor Armut oder dass ich krank werde und nicht arbeiten kann. Dann vor Altersarmut. Mehr ist es nicht. Es ist nur das Geld, also die finanzielle Seite.

A.P: Fürchtest Du Dich beispielweise vor öffentlicher Kritik an deinen Theaterarbeiten oder an deiner pädagogischen Qualifikation?

D.P: Jeder Kurs/Jede Inszenierung/Premiere stellt sich da anders da. Am Anfang jeden Kurses bekomme ich immer fleckige Haut. Ich frage mich dann, ob mir wohl genug Ideen einfallen und werde ich es schaffen diese zu verwirklichen? Lassen die Teilnehmer sich durch mich leiten?
Gewinne ich Ihr Vertrauen , um mich künstlerisch ausdrücken zu können?. Sie kommen vielleicht gar nicht mehr, oder bekomme ich öffentliche Kritik über meine Arbeit zu hören?. Aber Kritik in der Presse erschöpft sich hier auf dem Lande meistens in einer Inhaltsangabe über das Gezeigte oder wie viel Zuschauer da waren.
Natürlich kommt auch Kritik von Kollegen. Ich lade Sie ja selber ein! Und frage Sie nach der Aufführung nach Ihrer ehrlichen Meinung.
Das ist schwieriger zu ertragen. Da bin ich dann natürlich sensibel.
Ich selber stoppe mich, wenn ich in Routine verfalle.
Ich habe zum Beispiel mit meinem Kinderkonzept 2 Jahre pausiert. Ich spulte das nur noch ab. Jetzt gehe ich mit neuen Ideen da ran.

A.P: Daniela du bist aktives Mitglied des Bundesverband für Theaterpädagogik. Was wünscht Du dir als Freiberuflerin von diesem Verband?

D.P: Also es sind zwei Sachen für mich. Zum einen der Fachaustausch, um einfach über meine Praxis meine Gedanken und Erfahrungen reden zu können. Einfach das Gefühl zu haben: Huch, da versteht mich ja jemand! Andererseits finde ich es wichtig an den Qualitätsstandarten zu arbeiten, Rahmenrichtlinien zu diskutieren, Aus- und Weiterbildungsstrukturen für die Theaterpädagogik zu schaffen.

 

Das Gespräch führte Andreas Poppe